Wiesbadener Kurier: "Der andere könnte auch Recht haben"
Stele für Toleranz vor Beruflichen Schulen in Hahn mahnt Zivilcourage an.
Ein Hilfsgerät zum Einüben und zur Anmahnung von Toleranz wurde gestern vor den Beruflichen Schulen in Hahn eingeweiht. Die Stele, eine Stahlkonstruktion mit roten Glaselementen, hat der Wiesbadener Künstler Karl-Martin Hartmann geschaffen.
"Huch, was steht denn da?", mag sich der eine oder andere mit Blick auf den Rasen vor den Beruflichen Schulen in Hahn fragen. Die Schüler und Lehrer dort sollten es wissen, mussten doch im Vorfeld bei einer Abstimmung über das Projekt "Stele für Toleranz" mindestens 70 Prozent sich mit ihrer Unterschrift dafür aussprechen. Eingesetzt dafür haben sich die drei Schülerinnen der Arbeitsgemeinschaft "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", geleitet von Lehrerin Petra Weber und Pfarrerin Astrid Diedrich. Ein Emblem mit den Schlagworten steht auch auf den T-Shirts von Lena Lietz, Theresa Schuhmacher und Tanja Hölper, alle 15 Jahre jung und in der 10. Klasse.
"Das Thema Rassismus gibt es auch an den Beruflichen Schulen", sagten sie gestern bei der Einweihung der Stele im Beisein von Lehrern und Kommunalpolitikern. "Anfangs haben wir viel Kritik für unsere Sache einstecken müssen, haben uns aber nicht beirren lassen. Trotz unserer Aufforderung an andere, mitzumachen, sind wir nur zu dritt. Hilfe könnten wir gut gebrauchen."
Mahnmal gegen Rassismus
Die Stele ist ein Mahnmal gegen Rassismus als Sympathieträger, sechs Meter hoch, ausgefüllt mit roten Glaselementen. Steht nach Wiesbadener Vorbild auf der grünen Wiese in Hahn und soll noch in zahlreichen Folgemodellen weltweit zur Toleranz anmahnen: an der Partnerschule in Tallinn in Estland und vor dem Campus in Wisconsin Rapids in Wisconsin beispielsweise. Anwesend bei der feierlichen Übergabe war auch Künstler Karl-Martin Hartmann mit Ehefrau Kerstin, beide nicht nur Sponsoren der Stele, sondern Träger der Vision toleranten Zusammenlebens, wie es Schulleiter Hans-Jürgen Sommer formulierte. "Bewusst haben wir den Ort hier beim Schulzentrum Obere Aar gewählt, entsteht hier doch das Zentrum für lebensbegleitendes Lernen, soll Toleranz zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen täglich erlernt, gelebt und erlebt werden."
Andere Sicht auf die Dinge
Von einer kleinen Geburtsstunde des gemeinsamen Projekts Hessencampus in Rheingau und Taunus, das an den beiden Standorten Geisenheim und Hahn eine Heimstatt findet, sprach Landrat Burkhard Albers angesichts der Symbolkraft dieser in Stahl gefassten Glaskonstruktion - "an diesem Ort, an dem wir auf Toleranz angewiesen sind". Was mit Toleranz denn nun gemeint ist, und warum der Künstler ausgerechnet eine Stele gewählt hat, erklärte Frieder Schwitzgebel, Philosoph, Kunstkenner und mit den Werken Hartmanns vertraut. "Der andere könnte auch Recht haben", sei die zentrale Botschaft, die zum Innehalten und Nachdenken anregen soll. Die Überzeugungen anderer respektieren und dabei die eigenen Wertmaßstäbe nicht über Bord werfen, dabei helfe die Kunst, "weil sie uns mit der Sichtweise eines anderen konfrontiert".
Damit man nicht nur beim Anblick der Stahl-Glas-Konstruktion an den Toleranzgedanken erinnert wird, hatte der Erschaffer der Stele auch Miniaturexemplare mitgebracht, einen Sticker mit rotem Balken, der sich ans Revers heften lässt: um sich selbst an die Kandare zu nehmen und andere neugierig zu machen, welchem exklusiven Klub man wohl angehöre.

